bevor ich anfing, in einer suchtklinik zu arbeiten, begegnete ich einer kollegin und erzählte ihr von meinem vorhaben. sie erzählte mir, dass sie früher auch mit solchen patienten arbeitete, das ist aber, sagte sie erleichtert, schon längst vorbei. ich freute mich, jemanden erfahrenen ausfragen zu können kann und fragte: „sag mal, was sind es für menschen?“. Etwas verduzt, fast erschrocken, antwortete sie mit einer gegenfrage: „wie, hast du etwa noch nie mit suchtpatienten gearbeitet?“. ihr gesichtsausdruck schien auf einmal wie erstarrt und voller sorgen, als wollte sie mir sagen, dass es ihr sehr leid tut, dass sie mir am liebsten davon abraten würde oder zumindest mich mit den notwendigen waffen ausrüsten wollte. sie sagte dann: „weißt du, sie ziehen dir das hemd aus, wenn du nicht aufpasst, aber im tiefeninneren sind sie alle zarte pflänzchen.“ mit diesem bild konnte ich viel anfangen und bedankte mich für die lebenserfahrung. dennoch ging ich aus dem gespräch etwas unbefriedigt und besorgt, vielleicht ein bisschen ängstlich. was sollte dieser gesichtsausdruck bedeuten? was wollte sie mir noch sagen und was hat sie davon abgehalten?

und nun, nach einiger zeit, meine ich, diesen gesichtsausdruck etwas besser verstehen zu können. ich würde es wie folgt beschreiben: sie sind der abfall der gesellschaf, sie leben in der unterwelt und über ihnen schwebt eine schuldwolke. stetig stehen sie im schatten der selbst- und fremdschuld. stetig ist es bei denen bewölkt und regnerisch, es sei den, sie konsumieren, was ihre umgebung und ihr inneres augenblicklich heller zu machen scheint. in dem moment scheint ihr leben sorgen- und schuldfrei. aber wenn sie wieder unten sind, wird die wolke nur noch stärker, grauer und grausamer. die sucht ist insofern eine art suche nach hellen augenblicken, nach rettung aus der dunkelheit ins licht. ein weiser kollege (ein arzt, guck an…) fügte hinzu: „das sind meine verlorenen kinder, sie haben sich nämlich an der verbotenen frucht verbissen und werden sich deshalb ihr leben lang dafür schämen.“

und die helfer, die sich anbieten, sie zu begleiten, natürlich auch um sich selbst zu heilen, können dies erst tun, indem sie eine beziehung zu ihnen aufbauen, indem sie sich allmählich annähren, bis sie ihren schmerz begreifen können. aber dann laufen sie gefahr, wenn sie ihre schützlinge berühren wollen, unter dieser wolke der schuld zu stehen und nass zu werden, so nass bis sie glauben, selber die schuld tragen zu müssen. bis sie glauben, sich schämen zu müssen, selbst schuldig zu sein.

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