PROLOG

Oktober 16, 2006

Der X. Besuch beim Amt für ausländische ANGELEGENHEITEN

Mit lauter Kampgeist gehe ich mal wieder in Richtung Amt, wohl wissend oder zumindest erwartend, dass es wieder mal eine schwere Geburt mit schmerzhaften Wehen und verschreckten Mienen wird. Sobald ich durch die Tür des ersten Stocks komme und meine Leidensgenossen erblicke, um die 20 zähle ich, verschwindet der durchdachte und geplante Stolz, der aufrechte Brustkorb verschrumpft sich, die Augen suchen den Boden und ich werde immer kleiner. Da sitzen wir alle, vor vielen geschlossenen weißen und sterilen Türen, an jeder Hängt ein DIN-A4 Zettel, der auf die Zuständigkeiten hinweist, je nach Anfangsbuchstabe des betroffenen Familiennamens. Stille. Jeder und jede kümmert sich um die eigene Angelegenheit.
Sie wirken alle wie Väter vorm Eingang zum Kreissaal, alle aber deprimiert, als wüssten sie dass es eine Fehlgeburt wird. An den professionell tapezierten Wänden hängt ein Wisch mit Riesenbuchstaben wie beim Optiker – „Bei Vorlage eines neuen Passes Fotokopie und Lichtbilder beifügen!“ Das geht mich nichts an, denke ich mir, zumindest noch nicht. Obwohl ich zum X. Mal da bin, fühle ich mich desorientiert und verloren. Soll man einfach anklopfen und reinspazieren? Oder unauffällig warten, bis jemand mich bemerkt? Ich könnte auch meine Genossen fragen, wie es hier abläuft, entscheide mich aber aus unerklärlichen Gründen zu schweigen und bilde mir ein, es
hinge noch ein Schild an der Wand – „bei jeder möglichen Angelegenheiten hinsetzen und so tun, als wäre man nicht da!“ Ab und zu gucken wir uns fragend aber lautlos an, es bedarf keiner Wörter, wir verstehen uns alle schon. Jeder und jede spürt die kollektive Betrübnis, wie die kleinen Lämmer, die darauf warten, wieder auf die große Wiese freigelassen zu werden. Während meine Genossen und ich stillsitzen, ist das Personal auffällig laut. Türen werden demonstrativ auf- und zugeknallt, große Schlüsselbünde klingeln trotzig wie Kirchenglocken. Wie gedrillte Soldaten in der Grundausbildung – mit großem Elan laufen sie schwitzend rein und raus, ihre Gesichter wie künstlich erstarrt während eines Pokerspiels. Sie wurden wahrscheinlich dazu ausgebildet, das non-verbale Verhalten auf ein Minimum zu halten, damit die großen Amtsgeheimnisse nicht in die
falschen Hände geraten. Schwungvoll kommt eine Dame aus dem Zimmer vom anderen Ende des Flurs. Gekleidet wie ne Putzfrau, nur ohne Schürze, mit zerstreuter Frisur, man könnte denken, sie wurde gerade eben gewaltig auf dem Kopierer nebenan durchgerammelt, schreit sie in die Masse – „Herr so und so?…“. Herr so und so steht bereits vor ihr. Sie schreit weiter und kündigt das weitere Vorgehen an, was seine Angelegenheit betrifft. Alle anderen Genossen kommen aus ihrer meditativen Trance augenblicklich heraus und hören aufmerksam zu. Ich muss an das faszinierende
Phänomen des Gegenstaus denken. Auf der einen Spur ist ein Unfall und sie ist völlig gesperrt. Trotzdem entsteht ein Stau auf der Gegenspur, obwohl keine Hindernisse zu sehen sind. Auf ein Mal fühlen sich alle wieder verbunden.
Als nächstes springt ein drahtiger Typ mit Glatze und einem Piratenohrring aus einer anderen Tür mir gegenüber. Ich dachte, dass die Zeit, in der der Pulli in die Jeans gesteckt wird, schon seit 15 Jahren vorbei ist. Hier sind anscheinend diese Neuigkeiten noch nicht angekommen. Sie sollten sich wirklich überlegen, bei der nächsten Ausbildung ein Kleidercodex einzuführen. Wieder auffällig laut – langsam habe ich das Gefühl, sie meinen wir wären alle taubstumm oder völlig geistig behindert. Er wendet sich einer 6 oder 7 Manngrüppchen zu. „Wer ist der Vorarbeiter?“ Ich bin es, wollte ich spontan sagen, ein Vorarbeiter ist doch etwas Exklusives… Ich verkneife mir den klugen Witz. Noch einmal besprechen sie alles im Flur. Mittlerweile kann ich die Lebensgeschichten aller Anwesenden kurz zusammenfassen. Die heilige Regel des Datenschutzes, die bei jeder Bank- oder Post- oder Was-auch-immer-Filiale wie ein Imperativ vorausgesetzt ist, gilt in dieser Welt offensichtlich nicht. Ohne es zu bemerken sind plötzlich alle Genossen weg. Ich sitze alleine da. Habe ich etwas verpasst. Hallo? Wieder Stille. Und nu? Vielleicht haben sie mich wirklich nicht wahrgenommen. Vielleicht sind alle durch die Notausgänge in Richtung Mittagspause oder Kaffeepause oder Zigarettenpause geflüchtet. Ich beschließe mich, Initiative zu zeigen und an die Tür zu klopfen. Was kann schon passieren? Leise versuche ich mein Glück und mit Herzklopfen öffne ich die Tür. Ich stecke meinen Kopf rein und versuche mich kurz zu fassen. Die Antwort kommt jedoch schneller: „Wir rufen rein!“ Jawohl mein General, mein Major, mein Oberleutnant, mein Meschugge, sage ich lautlos nickend und verschwinde, wie die kleinen Chinadiener in den alten Bondfilmen; mache die Tür ganz sanft hinter mich zu. Eine kleine Ewigkeit später kommt er mit einem leidenden Gesichtsausdruck raus. Eine Kopfbewegung lädt mich hinein. Der blonde Typ, groß wie ein Grislybär und frisiert wie ein Igel, wirkt mit Stoffhose und weißem Hemd wie aus einem anderen Planeten. Ich bereue meine Belustigung über die prollige Kleiderordnung und bekomme ein schlechtes Gewissen. Ich hole meinen blauen Pass raus und flüstere: „es geht um ein Studentenvisum…“ keine Reaktion. Er gibt meinen Familiennamen in seinen Rechner ein und ich ertappe mich dabei, wie ich ihn kontrolliere. Aus der Distanz scheint es so, als würde er meinen Namen nur mit einem M Schreiben und ich sage: „mit zwei M, aber vielleicht geht es auch so…“ Er starrt mich boshaft an und wendet den Bildschirm in meine Richtung: „2 M“ zeigt er, „O!Kay?“. Ach, Entschuldigung Meister, ich wollte Sie nicht kränken… das ist so einfach rausgerutscht. Pfui! was habe ich mir dabei gedacht? Jetzt ist alles verloren, jetzt habe ich es völlig vermiest.
Die Kapitulation ist nah. Meine Phantasie spielt wieder verrückt und ich stelle mir vor, wie er eine kleine Sprechanlage aus der unteren Schublade rausholt und brüllt: „Ein Mal Flughafen!“ Zwei riesige Zollbeamte, die hinter einer dieser verschlossenen Türen sitzen und auf ihre An- Gelegenheit warten, ihren Lohn zu rechtfertigen, stürzen in einer geübten Kampfformation ins Zimmer. Sie legen mir Handschellen an und führen mich mit zugebundenen Augen und ohne Schnurrsenkel in ihren gepanzerten Wagen. Ich wach auf und alles dröhnt unter meinen Füssen. Ein vertrautes Gefühl. Die souveräne Stimme bestätigt meinen Eindruck: „Meine Damen und Herren, hier spricht ihr Kapitän, willkommen auf den Lufthansaflug blablabla nach blablabla. Wie freuen uns und so weiter“.
Der Traum ist vorbei. Während dessen ist mein blonder Grislybär schon wieder da. Er musste seine Chefin fragen, wie er mit meinem Fall vorgehen soll. Er wirkt auf einmal so entspannt. Vielleicht habe ich ihm einen geblasen ohne es zu merken. Mit einem winzigen Lächeln reicht er mir meinen Pass mit einem neuen bunten Aufkleber. Da steht schwarz auf rosa, dass ich noch ein Jahr Bleiberecht besitze. Ich sollte mich freuen, aber ich fühle mich ziemlich schmutzig. Die jährige Angelegenheit ist hiermit beendet. Während ich die Tür hinter mich zumache, glaube ich zu hören,
wie eine Stimme mit einem schwäbischen Dialekt mir hinterher ruft: „Sie werden von uns hören!“

Aktueller Bezug: taz vom 23.10.2006

Nachtrag: Ein Witz statt Selbstanalyse

In einem Zugwagon, der zwischen Berlin und Schanghai bummelt sitzen sich gegenüber ein Rabbi der hiesigen Gemeinde und ein tibetanischer Mönch, der auf der Suche nach dem nächsten Dali Lama über China nach Deutschland gewandert ist. Nach 7 Tagen des Schweigens erwacht der Rabbi aus seinen Schöpfungsträumen und wendet sich dem weltlichen Asiaten zu: „Ich hasse die
Chinesen!“.
Der Mönch erwacht gezwungenermaßen ebenso aus seiner Zugmeditation und erwidert: „Warum bloß? Was haben Ihnen die Chinesen angetan?“ Der Rabbi wie erleuchtet: „Die haben ja Pearl Harbor bombardiert!“
„Das waren nicht die Chinesen, sondern die Japaner“, antwortet der Mönch erleichtert.
„Ach“, meint der Rabbi beiläufig, „Chinesen, Japaner, alles dasselbe“.
Nach erneutem vierzigstündigen Schweigen setzt der Mönch das Gespräch fort: „Ich hasse die Juden!“
Der Rabbi, der gerade dabei war, den salomonischen Widerspruch in seinem Geist
zu lösen, fühlt sich auf einmal wie selbst beim lebendigen Leib in zwei zerrissen:
„Warum bloß, was haben wir Ihnen angetan?“
Der Mönch, schmunzelnd: „Sie haben die Titanik versenkt.“
„Das waren doch nicht die Juden, das war ein Eisberg“, entgegnet der Rabbi.
„Ach“, strahlt der Mönch, „Eisberg, Rosenberg, Goldberg, alles dasselbe“.

Eine Antwort auf “PROLOG”


  1. [...] schon der jährliche besuch im ausländeramt ist erschreckend genug, ist er doch immer mit angst und einem intensiv spürbaren machtgefälle verbunden. obwohl ich selbst nie dort rein mußte, kenne ich doch die vorläufer und nachwirkungen, all die auswirkungen, die so eine aufwartung mit sich bringt. ein amt, in dem frustrierte sachbearbeiter ihren frust in machtlust wandeln können, sei es nur, um die eigene hilflosigkeit zu verwandeln. [...]


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